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NEUES AUS DEM STADTTHEATER INGOLSTADT
Wolfgang Kraushaar, Politikwissenschaftler am Hamburger Institut fuer Sozialforschung. Foto: ScienceImageProject.com/Sacha Hartgers
Phantasie an die Macht!

Blaue Blume, roter Stern: Die Bilanz der 68er

Die ästhetische Revolte: Der Pariser Mai 

 

Mit der Forderung »Phantasie an die Macht« begannen im Mai 1968 die Studentenproteste in Paris. Unter diesem Motto beschäftigte sich das Stadttheater Ingolstadt in dieser Spielzeit mit den langfristigen gesellschaftlichen Entwicklungen, die mit der Revolte zusammenhängen. Zum Abschluss der Auseinandersetzung spricht die Ingolstädter Journalistin Dr. Isabella Kreim am Freitag, 17. Mai, um 20 Uhr im Kleinen Haus mit dem renommierten Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar über die historische Bedeutung der 68er-Bewegung.

In seinem Aufsatz »›Phantasie an die Macht‹. Die Konfrontation der Kunst mit der Politik: 1968 und die Folgen« erklärt Kraushaar, wie die Parole entstand und in welchem Zusammenhang sie mit der Literatur der deutschen Romantik steht. Hier können Sie einen Auszug lesen.

Am 20. Mai 1968 erschien im »Nouvel Observateure« ein Interview, das schon wegen der Prominenz des Fragenstellers und einer umgekehrten Rollenverteilung für Aufsehen sorgte. Der weltberühmte Dramatiker und Philosoph Jean-Paul Sartre befragte den bis dahin noch weitgehend unbekannten Sprecher der »Bewegung 22. März«, Daniel Cohn-Bendit. Sartre wollte damit, wie er ohne Zweifel durchblicken ließ, der Rebellion der Studenten seine Reverenz erweisen.

Am Ende versuchte er seinen jungen Gesprächspartner mit einer Feststellung zu ermuntern: »Was an Ihrer Aktion interessant ist: Sie setzt die Phantasie an die Macht. Auch ihre Phantasie hat gewiss Grenzen, aber Sie haben viel mehr Ideen, als ihre Väter hatten. […] Die Parolen, die man an den Mauern der Sorbonne liest, beweisen es. Es ist etwas von Euch ausgegangen, was erstaunen lässt, etwas Umwerfendes, etwas, das alles leugnet, was unsere Gesellschaft zu dem hat werden lassen, was sie heute ist. Dies möchte ich Ausdehnung des Feldes der Möglichkeiten nennen. Weicht hier nicht zurück!«

Ein Traum schien im Mai 1968 für einen Moment Wirklichkeit geworden zu sein, eine Vorstellung, die die Frühromantik beseelt hatte. Aus dem von Novalis hinterlassenen Romanfragment »Heinrich von Ofterdingen« stammte die Zeile: »Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt.« Und seine wohl berühmteste Forderung lautete: »Die Welt muss romantisiert werden.«

Nirgendwo scheint sie 1968 ernster genommen worden zu sein als in Paris. Dort blühte eine Wandinschrift nach der anderen auf. Parolen wie »Seid realistisch, verlangt das Unmögliche«, »Unter dem Pflaster liegt der Strand«, »Lauf, Genosse, die alte Welt ist hinter dir her« und »Nehmt Eure Wünsche für die Wirklichkeit, wenn Ihr an die Wirklichkeit Eurer Wünsche glaubt« sind seitdem in den Kanon revolutionärer Ausrufe aufgenommen. Der 68er-Aktivist Richard Faber hat deshalb bereits vor zwei Jahrzehnten festgestellt, dass viele der Pariser Wandinschriften wie Novalis-Übersetzungen anmuteten – sie seien »reine, nämlich Hardenberg’sche Romantik«. […]

»Phantasie an die Macht?« Die Idee einer revolutionären Machtergreifung war jedoch eine Fiktion. Bereits die Errichtung von Barrikaden in der Nacht vom 10. zum 11. Mai war kaum mehr als eine symbolische Aktion. In Frankreich, wo der Sturz des Staatspräsidenten und seiner Regierung für einen begrenzten Zeitraum durchaus auf der Tagesordnung stand, wären die romantisch-anarchistisch inspirierten Studenten um die »Bewegung 22. März«, die den Funken von der Universität Nanterre auf die Sorbonne hatte überspringen lassen, niemals an die Macht gekommen. Sie waren Katalysatoren eines sozialen und politischen Prozesses, nicht jedoch dessen Träger, geschweige denn ihr politischer Nutznießer.

Wäre der Rücktritt de Gaulles erfolgt, dann wäre es mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Bildung einer sozialistischen Regierung gekommen. Nicht ohne Grund hatte sich Mitterand zusammen mit einigen seiner Weggefährten medienwirksam an die Spitze einiger Großdemonstrationen gesetzt. Der Politiker, der dann 1981 die Macht übernahm, stand dafür bereits im Mai 1968 bereit. […]


Was ist aus dem Traum der 68er-Generation geworden? Wie kann man die gesellschaftlichen Veränderungen, die von der Studentenrevolte angestoßen wurden, heute beurteilen? Der Politikerwissenschaftler Wolfgang Kraushaar diskutiert mit der Ingolstädter Journalistin Dr. Isabella Kreim über die historische Bedeutung von 68. Das Stadttheater Ingolstadt rundet mit der Veranstaltung sein Rahmenprogramm zum Spielzeitmotto »Phantasie an die Macht« ab.

Der Diskussionsabend findet am Freitag, 17. Mai, um 20 Uhr im Kleinen Haus statt. Karten dafür erhalten Sie hier.

Dr. Wolfgang Kraushaar, geboren 1948, studierte an der Universität Frankfurt am Main Politikwissenschaft, Philosophie und Germanistik und promovierte mit einer Arbeit über den Strukturwandel der deutschen Universität bei Iring Fetscher. Von 1987 bis 2015 war er Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und forscht seit 2015 an der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur über Protestbewegungen sowie die RAF und den internationalen Terrorismus. 2004 nahm er eine Gastprofessur an der Beijing Normal University wahr, zudem Lehraufträge an den Universitäten Hamburg, Berlin (FU) und Zürich. Einen Namen hat er sich insbesondere mit der Historisierung der 68er-Bewegung und des linken Terrorismus gemacht.