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»WE DON'T NEED NO EDUCATION« - Junger Futurologischer Kongress & 40. Schultheaterfestival
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Nachgefragt: Interview mit “Gras drüber”-Autor David Spicer

Auf ein Pint ins Pub – dorthin hat BBC-Autor David Spicer unsere Fragen mitgenommen.

Wie viele Biere es tatsächlich für die folgenden Antworten benötigte, haben wir ganz diskret nicht gefragt. Aber dafür wissen wir jetzt mehr über Leichenfunde, Mittelengland und Comedyautoren.

Theater Ingolstadt:
Zwei Typen, die auf einem Friedhof herumbuddeln, und die Rechte von Tieren – zwei Themen, die man jetzt nicht unbedingt zusammenbringt auf den ersten Blick. Klingt – jedenfalls fürs deutsche Ohr – erstmal nicht besonders erheiternd. Ist es der berühmt-berüchtigte britische Humor, dem Sie mit “Gras drüber” (im Original: Raising Martha), ein Denkmal setzen? Oder anders gefragt: Warum ausgerechnet Grabschändung und Veganismus einem Stück?

David Spicer:
Das ist eine ziemlich gute Frage, auf die es eine ziemlich gute Antwort gibt: Ich war’s nicht! Nicht ich habe die Veganer und die Grabräuber zusammengebracht, sondern das ist wirklich passiert. 2004 haben allen Ernstes  zwei Tierschutzaktivisten in Großbritannien die Knochen einer Frau ausgegraben, die die Mutter der Besitzer einer Farm für Versuchstiere war. Sie haben probiert damit die Befreiung der Tiere zu erpressen. Als ich das eines Tage in der Zeitung gelesen habe, war mir sofort klar: Das muss ein Stück werden und genau mit der Friedhofsszene muss es anfangen.
Das war damals alles, was ich wusste, sowohl was den Fortgang der tatsächlichen als auch der fiktiven Geschichte anging. Danach habe ich dann versucht, so wenig wie möglich mitzubekommen, was im konkreten Fall passiert ist. Schließlich wollte ich ja keine historische Dokumentation, sondern eine Komödie erfinden. Wie ich heute weiß, ist alles weitere, was im Stück passiert, in der Realität nie geschehen. Die echte Begebenheit diente also nur als kreatives Sprungbrett für meine Fantasie.
Wenn Sie das Setting ein bisschen düster finden, dann haben Sie schon recht, aber mich hat einfach die Absurdität des Ganzen fasziniert. Auf der einen Seite sind da zwei total fertige, wütende Kerle, die einen toten Körper ausgraben, um damit lebenden Tieren zu helfen. Auf der anderen dieses Brüderpaar mit ihrer Farm, das sich um lebende Tiere nichts schert, aber sentimental wird, wenn’s um eine Leiche geht. Das ist schon ziemlich witzig… oder?

Theater Ingolstadt:
Sie haben Radioshows für die BBC und etliche TV Comedy Serien geschrieben. Wie unterscheidet sich diese Arbeit von der an einem Theaterstück?

David Spicer:
Der größte Unterschied ist für mich das Publikum. Die Erfahrung, die ein Zuschauer macht, ist eine ganz andere, wenn er allein vor dem Fernseher sitzt oder wenn er Radio hört, als wenn er im Theater ist. Im Theatersaal ist das ein gemeinsames Erlebnis mit anderen Menschen. Live und in Farbe wird da ein Schauspieler bei der Arbeit beobachtet. Es fühlt sich echt an, aber gleichzeitig weiß man, dass es nur gespielt ist – und das eröffnet andere Möglichkeiten. Man kann die Figuren grotesker gestalten, das Ganze in die Höhe ziehen (gerade auch sprachlich) und die Welt für ein paar Stunden zum Theater werden lassen. Ich finde, dass es einige total abgedrehte, surreale Momente in “Gras drüber” gibt, die nur funktionieren, weil das eben live vor den Augen des Zuschauers passiert. Im Fernsehen oder Radio würde das längst nicht so zünden.
Bei einem Theaterstück hat man als Autor insgesamt mehr Freiraum. Die BBC gibt dir vor: Deine Show darf genau 45 Minuten dauern. Nicht 47 und nicht 42 Minuten, sondern exakt eine Dreiviertelstunde. Das erfordert ziemliche Disziplin. Das ist wie bei diesen günstigen Fluglinien, da hat man ganz strikte Grenzen fürs Gepäck und darf nicht auch nur ein Gramm drüber sein. Das heißt fürs Schreiben: Man muss die Geschichte erstmal ausbreiten und dann schauen, wieviel man davon in den zeitlichen Rahmen hineingequetscht bekommt. Da muss man manchmal ziemlich harte Entscheidungen treffen und vieles streichen. Das Editieren ist beim Radio die Hauptarbeit, nicht das eigentliche Verfassen des Textes. Bei einem Theaterstück ist das ganz anders. Da kannst du so viel und so lang erzählen, wie es eben für die Geschichte nötig ist. Du kannst vorne anfangen und am Ende aufhören… oder bis die Schauspieler dich anflehen, endlich zum Schluss zu kommen.
Das ist eine ziemlich befreiende Angelegenheit.
Ein wichtiger und ziemlich nervenaufreibender Unterschied ist die Unmittelbarkeit des Feedbacks. Das Publikum lässt dich sofort spüren, was es von deiner Arbeit denkt. Wenn du eine Komödie geschrieben hast, dann sollte das Ding verdammt komisch sein. Ansonsten sitzt du da einer Wand aus Schweigen gegenüber – und das ist wohl das schlimmste Geräusch, das du im Theater zu hören kriegen kannst.

Theater Ingolstadt:
Warum wird man eigentlich Comedy Autor? Waren Sie in der Schulzeit der typische Klassenclown, der schon immer seine Umwelt erheitert und seine Passion dann zum Beruf gemacht hat oder lief das ganz anders? Und wie fanden es eigentlich Ihre Eltern, dass Sie nicht Anwalt, Lehrer oder etwas anderes Solides geworden sind?

David Spicer:
Das ist recht einfach: Ich habe für nichts anderes Talent. Ich weiß nicht, ob das jetzt heißt, dass ich verdammt viel Glück oder viel Pech im Leben hatte. Was anderes als Komödien zu schreiben hat mich nie interessiert, ehrlich gesagt, und dieser Fokus war ziemlich hilfreich.
Wenn ich jemanden, der schreiben möchte, etwas raten sollte, dann wäre es: Schreib. Sprich nicht darüber, sondern mach einfach. Und natürlich: niemals aufgeben!
Mir hat meine Arbeit immer großen Spaß gemacht und mir ist sie auch nie wirklich schwer gefallen. Was nicht heißen soll, dass Schreiben nicht harte Arbeit ist… und klar, an manchen Tagen ist es einfacher als an anderen. Manchmal braucht man viel Geduld und Disziplin. Aber ich kann jeden Tag sehr viel lachen und bin von ganz wunderbaren, talentierten Leuten umgeben: Für mich ist das, was ich tue, wirklich der beste Job der Welt. Mein Vater wollte übrigens, dass ich Postbote werde.

Theater Ingolstadt:
Als wir uns auf die Produktion vorbereitet haben, mussten wir erstaunt festgestellen, dass es das Dorf Upton Snodsbury, an dem die ganze Froschmisere ihren Lauf nimmt, tatsächlich gibt. War das eine ganz bewusste Wahl? Haben Sie solche Abneigungen gegen die Grafschaft Worcestershire, dass Sie sie zum einem Kiffer-Nekrophilie-Hotspot gemacht haben?

David Spicer:
Ich bin völlig unschuldig! Ehrlich! ich möchte betonen, dass ich keinerlei Groll oder sonstige negative Gefühle gegenüber Worcestershire hege. Die wunderbare Übersetzerin von “Gras drüber”, Adina Stern, hat sich für den Ortsnamen entschieden. Sie fand den Klang von Upton Snodsbury total lustig. Damit hat sie recht, aber auf Englisch wäre er fast zu lächerlich rübergekommen. Ich habe den Schauplatz ursprünglich Lincolshire genannt. So hieß der Ort, an dem die Knochen laut Zeitungsbericht ausgegraben wurden. Einer der Charaktere wohnt in St. Neots. Das ist ein echtes Städtchen, das zwar auf dem Land liegt, aber dennoch ganz chic daherkommt. Das wäre ein möglicher Wohnort für jemanden wie Theresa May oder so. Und er klingt für den englischen Zuschauer lustig.
Ganz generell finde ich, dass Ortsnamen in Texten schon relevant sind. Davon gibt es auch im Deutschen einige ganz bemerkenswerte, wie zum Beispiel Schmedeswurtherwesterdeich (das liegt in Schleswig-Holstein) oder das baden-württembergische Tauberbischofsheim. Das finde ich als Engländer zum Schieflachen, aber ein Publikum aus deutschen Nativespeakern fände das wahrscheinlich nicht so außergewöhnlich.

Theater Ingolstadt:
Wenn man David Spicer googelt, dann kennt Wikipedia sechs Personen mit diesem Namen. Einer davon ist Rugby Spieler, ein anderer ein toter Organist. Wenn Sie nicht der David Spicer wären, der Sie sind (wie Wikipedia dazu weiß: “writer of the BBC Radio series Double Income, No Kids Yet”) – wer wären Sie dann gerne?

David Spicer:
Hmm, also wenn Sie mich so fragen: Rugby Spieler mit einem Mordsorgan -– das klingt eigentlich ganz gut.

Dankeschön, David Spicer und: Cheers!

(Wer das Interview lieber im Original lesen möchte, kann das in diesem Dokument  tun. Have fun!)

(Bildrechte: AH.AZAB [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], Wikimedia Commons sowie David Stowell [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons)