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NEUES AUS DEM STADTTHEATER INGOLSTADT
Digitales Programmheft

Alfred Döblins Jahrhundertroman »November 1918«

Lesung zum 100. Jubiläum der Novemberrevolution 1918 |

Das Ende des Ersten Weltkrieges markierte für die Geschichte Europas in vielerlei Hinsicht einen Einschnitt. In Deutschland hatten die kriegsmüden Soldaten und Arbeiter genug von der kaiserlichen Herrschaft. Ausgehend vom Aufstand der Kieler Matrosen breitete sich im ganzen Land der Wunsch nach einer Revolution aus. Der 9. November 1918 beendete schließlich die Monarchie. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann verkündete aus dem Fenster des Reichstages die Abdankung des Kaisers und die Gründung einer bürgerlich-demokratischen Republik. Nur wenig später rief Karl Liebknecht, der Anführer des Spartakusbundes, die freie sozialistische Republik aus.

Aus den Wirren der Revolution ging die Weimarer Republik hervor. Der erste Versuch einer Demokratie in Deutschland scheiterte. 1933 kamen die Nationalsozialisten an die Macht. Die Novemberrevolution 1918 – eine »verspielte« und »verratene« Revolution?
Anlässlich des runden Jahrestages findet im Stadttheater Ingolstadt eine Lesung zu Alfred Döblins Roman »November 1918« statt. Schauspieler Ralf Lichtenberg liest aus dem ersten Band »Bürger und Soldaten«.

Literarischer Kampf gegen die Nationalsozialisten

Alfred Döblin in einem Gemälde von Ludwig Kirchner

Die Entstehung des Romans war eng verbunden mit der Machtergreifung Hitlers. Die Nationalsozialisten nutzten den Reichstagsbrand vom 27. auf den 28. Februar 1918, um die Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft zu setzen. Im Zuge dessen wurden zahlreiche politische Gegner verfolgt und verhaftet. Auf den Verhaftungslisten stand auch Döblins Name. Freunde warnten ihn und er schaffte es noch, in die Schweiz zu flüchten. Für den Autor von »Berlin Alexanderplatz« begann damit ein zwölf Jahre andauerndes Exil. Eine lange Zeit, in der er sich immer wieder fragte, wie Deutschland so tief im braunen Sumpf versinken konnte.

In dem über 2000 Seiten umfassenden Werk »November 1918« schildert Döblin die epochale Dimension der Novemberrevolution anhand von zahlreichen individuellen Schicksalen. Menschen aus allen sozialen Schichten erhalten eine Stimme. Historische Persönlichkeiten treffen auf fiktive Figuren. Authentische Dokumente vermischen sich mit literarischen Phantasien. Döblin reflektiert historische Zusammenhänge aus einem gegenwärtigen Bewusstsein heraus und vertritt damit eine klare politische Haltung. In der Abhandlung »Der historische Roman und wir« schreibt er dazu:

Gebot für den [wissenschaftlichen] Historiker war: alle Fakten stehen lassen. Der [dichterische] Autor erhält andere Befehle: er durchlenkt und durchtastet Zug um Zug seinen Stoff, und wenn er zugreifen will und zugreift, so wird er nicht getrieben von einem wahnhaften Objektivitätsdrang, sondern von der alleinigen Echtheit, die es für Individuen auf dieser Erde gibt: von der Parteilichkeit des Tätigen.

Der Roman blieb lange Zeit unbeachtet. Während des Zweiten Weltkrieges wollte ihn kein Verlag veröffentlichen. Die erste dreibändige Ausgabe erschien 1950 und fand kaum Leser. Mittlerweile gilt »November 1918« als literarisches Jahrhundertwerk.

 

Bild:
SPD-Politiker Philipp Scheidemann ruft am 9. November 1918 als Erster eine Republik aus.
(Bildquelle: www. wikipedia.org)