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NEUES AUS DEM STADTTHEATER INGOLSTADT
Probebühne

Farbtheater – Folge 2: Jean Béraud und das »Théâtre du Vaudeville«

Heute bleiben wir beim »Farbtheater« mal außen vor – nämlich draußen vor der Tür des Pariser »Théâtre du Vaudeville«. Das Treiben auf dem Vorplatz, oder hier genaugenommen auf der Straße – sieht ein wenig geschäftiger aus als einem, sagen wir mal, normalen Dienstagvormittag in Ingolstadt.

Théâtre du Vaudeville

Diese Pariser Straßenszene wurde vom französischen Künstler Jean Béraud 1889 festgehalten. Tatsächlich sind von ihm einige Darstellungen des Lebens vor den Foyers und Ballsälen der Pariser Kulturtempel erhalten. Béraud wurde in Russland, in Sankt Petersburg um 1848 geboren. Nach dem Tod seines Vaters, der dort als Bildhauer arbeitete, kehrte die französische Familie nach Paris zurück. Der Stil Bérauds erinnert an die Gemälde berühmter Impressionisten wie Edouard Manet, dem frühen Claude Monet oder Edgar Degas.

Das Theaterleben und die französischen Varietéhäuser schienen es dem jungen Künstler angetan zu haben. Was heute für die digitale High Society Neukölln in Berlin ist, das war für die Maler des ausgehenden 19. Jahrhunderts das Pariser Künstlerviertel Montmartre. Wer heute durch die Touristen-überfluteten Gassen des Viertels schlendert, kann sich manchmal nur schwer vorstellen, welches künsterlisch inspirierende Treiben hier einst geherrscht haben muss.

Vive la revolution!

Das abgebildete Theater ist das dritte Haus, das den Namen »Théâtre du Vaudeville« in der französischen Hauptstadt trug. Dank der Französischen Revolution gab es nach 1789 ein bis dahin ungeahntes Ausmaß an Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Auch die Kunst konnte sich ohne Angst vor Zensur (zunächst) ausbreiten. Hinzu kamen gewerbliche Erleichterungen, was den Betrieb von Privattheatern ermöglichte. Komödien, Boulevard, Varieté – das Pariser Leben wurde bunter und »dramatischer«. Napoleon schränkte bereits 1806 diese Freiheiten wieder ein – erst 1864 wurde sein Dekret aufgehoben und es kam zu einer erneuten Blüte der französischen Theaterlandschaft.

Sandra Schreiber als Lulu – Regie: Frank Behnke

Der Name Vaudeville steht allerdings nicht nur für ein Haus, sondern auch für ein Theatergenre. Ganz knapp umrissen handelte es sich dabei um zeitaktuelle Komödien im leichten Boulevardstil, die durch kurze Musiknummern unterbrochen wurden. Dabei ging es durchaus recht anzüglich und auch mal derb zu. Was seinen Anfang auf Pariser Jahrmärkten genommen hatte, entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer eigenen Gattung weiter, die sich jenseits der Komödie auch melodramatischen Stoffen widmete. Eine Anleihe an diese spezielle Ästhetik nahm in der Spielzeit 2017/18 Regisseur Frank Behnke bei seiner Inszenierung von Wedekinds »Lulu«. Die Ingolstädter Lulu fand sich bei Behnke in einer Vaudeville-Varieté-Welt wieder, deren Klaviatur sie zu spielen verstand – der Tod in London blieb Wedekinds Heldin aber auch in dieser Fassung nicht erspart.

Das »Vaudville« am »Boulevard des Capucines« gibt es übrigens bis heute, allerdings wurde es in den 1930er Jahren zu einem Kino umfunktioniert.

 

 

Bilder:
»Théâtre du Vaudeville« – gemeinfrei
Inszenierung Lulu – Ludwig Olah / Stadttheater Ingolstadt