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»WE DON'T NEED NO EDUCATION« - Junger Futurologischer Kongress & 40. Schultheaterfestival
Klugscheisser-Wissen für die Pause - Heute: »Wege des Helden. Siegfried.«
Digitales Programmheft

Klugscheißerwissen für die Pause – Folge 5: »Wege des Helden. Siegfried.«

In Donald Berkenhoffs Stück »Wege des Helden. Siegfried.« betreten wir die phantastische Welt der germanischen Mythologie. Der Allvater Wuotan schaut von oben auf die Menschen herab und die drei Nornen spinnen deren Schicksalsfäden. Die siegreichen Krieger genießen ihren Met in Walhall. Für die Verlierer geht es direkt in die Unterwelt. Wer in der Pause mit seinem Wissen über die Barbaren glänzen möchte, erfährt hier mehr über ihre Kultur und ihren größten Helden, Siegfried. 

Woher kennt man germanische Götter- und Heldensagen?

Die Götter und Helden der Germanen begegnen uns heute überall: in Fantasy-Romanen, Filmen, Comics, Videospielen und bei zahlreichen Heavy-Metal-Bands. Für die Renaissance dieser mythischen Gestalten in unserer Zeit ist ohne Zweifel John R. R. Tolkiens »The Lord of the Rings« (1954/55) verantwortlich. Tolkien engagierte sich nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Philologe für die Vermittlung der nordischen Mythen. Eine einheitliche germanische Glaubenslehre, von der man gelegentlich im Internet liest, gab es aufgrund der Heterogenität der Germanenstämme jedoch nie. Unser heutiges Bild der germanischen Helden- und Götterwelt basiert im Wesentlichen auf den isländischen Werken aus dem 13. Jahrhundert, die man unter dem Namen »Edda« zusammenfasst. Mit der »Edda« versuchte man die heidnische Kultur der Germanen für die Nachwelt zu bewahren, als das Christentum sich in Island immer mehr durchsetzte.

Waren die Germanen nicht Heiden?

»Wir lassen uns taufen. Aber wir bringen Wuotan und Donnar und Freyr und Freya und all den Göttern weiter Opfer. Dein Glaube ist deine Privatsache.« Klingt nach einem vernünftigen Kompromiss. Klappt nur leider nicht immer! »Wege des Helden. Siegfried.« beschreibt das Aufkommen des Christentums unter den Germanen als »Clash der Kulturen«. Gleich zu Beginn des Stücks wird es für Siegfried ungemütlich. Drei Kreuzritter greifen den harmlosen Heiden an und versuchen ihn von seinen, in ihren Augen, »falschen« Göttern abzubringen. Doch wann konvertierten die Germanen zum Christentum? Mit der Eroberung christlicher Gebiete während der Völkerwanderung im 5. Jahrhundert nahmen die meisten Germanenstämme das Christentum in der arianischen Form an. Erst mit der Taufe des Merowingerkönigs Chlodwig 498/499 und seinem Übertritt zum katholischen Glauben verbreitete sich die lateinische Form des Christentums unter ihnen. Die Taufe Chlodwigs gilt als die Geburtsstunde des christlichen Abendlandes.

Was haben die Germanen mit dem Weihnachtsbaum zu tun?

Für die Germanen waren Bäume ein Symbol des Lebens. Sie verehrten ihre Götter nicht in Tempeln, sondern unter freiem Himmel. Ihre Opfer hängten sie – wie Christbaumschmuck – an Bäumen auf. Der »Edda« zufolge besteht der Kosmos der germanischen Mythologie aus neun Welten, die durch die Äste und Wurzeln der Weltesche Yggdrasill miteinander verbunden sind. Ihr Wipfel reicht hinauf bis in den Himmel nach Asgard, wo die Götter wohnen. Unter den mächtigen Ästen liegt die Menschenwelt Midgard. Tief bei den Wurzeln befindet sich die Unterwelt der Göttin Hel. Viele europäische Bräuche wie der Weihnachtsbaum und der Maibaum gehen auf diese germanischen Vorstellungen zurück.

Was? Siegfried kommt gar nicht aus Xanten?

Der blonde und starke Siegfried gilt als der Superman der germanischen Heldensagen. Im mittelhochdeutschen »Nibelungenlied« begegnet uns der Recke als strahlender Prinz aus Xanten am Niederrhein. In Donald Berkenhoffs Stück ist Siegfried jedoch nur ein glückloser Schmied, der sich seine adlige Herkunft aus Xanten ausdenkt, um Karriere zu machen. Damit folgt Berkenhoff der altnordischen Überlieferung der »Edda«. Darin entspricht Siegfried der Figur von Sigurd. Er wächst bei dem Schmied Reginn auf, bevor er sich einen Namen als Drachentöter macht. Das Fälschen von Lebensläufen lässt sich wohl eher nicht empfehlen. Denn in jedem Betrieb gibt es höchstwahrscheinlich einen grimmigen Hagen. Und wir wissen ja, wie die Geschichte endet…

 

Bild: Siegfried, der Drachentöter (gemeinfrei)