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»Wo sind Eure Lieder – Eure alten Lieder?« Liedermacher in den 60er Jahren

Lange wurde in der Literaturszene darüber spekuliert. 2016 war die Sensation dann perfekt: Als erster Songwriter erhielt Bob Dylan den Literaturnobelpreis. Im Stockholmer Komitee herrschte Einigkeit darüber, dass Dylans Texte eine einzigartige poetische Qualität besitzen und bis heute einen wichtigen Einfluss auf Musiker ausüben. Robert Allen Zimmerman, wie Dylan bürgerlich heißt, machte im Laufe seiner Karriere viele Verwandlungen durch – vom kritischen Folksänger bis hin zum frommen Christen. Sein Weltruhm gründet sich aber vor allem auf die politischen Protestlieder der 60er Jahre. Songs wie »Masters Of War« oder »A Hard Rain’s A-Gonna Fall« galten als Hymnen der damaligen Jugendrevolte.

In Tobias Hofmanns Musikabend »Achtundsechzig.« (UA) spielen Peter Reisser und Ralf Lichtenberg die Liedermacher Hardt und Degen. (Foto Jochen Klenk)

Die Bedeutung, die Sänger wie Joan Baez und Bob Dylan für die amerikanische Studenten- und Bürgerrechtsbewegung hatten, motivierte zu dieser Zeit auch in Deutschland Musiker, engagierte und poetische Lieder zu schreiben. Die deutschen Liedermacher reflektierten über ihre eigene Sprache und kommentierten die Nachkriegsgesellschaft kritisch. Ihre politischen Kompositionen richteten sich gegen die weichgespülte Schlagermusik und gegen die konservativen Werte der Bevölkerung. Die Sänger beteiligten sich auch aktiv bei den pazifistischen »Ostermärschen«.

Als zentraler Treffpunkt der Liedermacher-Szene erlangte die Burg Waldeck Berühmtheit. Dort fanden von 1964 bis 1969 Open-Air-Festivals statt, die über die Berichterstattung im Fernsehen und Radio eine große Breitenwirkung erreichten. Künstler wie Walter Mossmann, Hanns Dieter Hüsch, Franz Josef Degenhardt und Hannes Wader waren nicht nur innerhalb eines elitären Kreises bekannt. Sie feierten auch im Mainstream Erfolge.

Suche nach dem wahrhaftigen Volkslied

Dabei erschien es den Liedermachern nach dem Zweiten Weltkrieg nicht selbstverständlich auf Deutsch zu singen. Der Missbrauch der deutschen Volkslieder durch die Nationalsozialisten machte es ihnen schwer, ihre Muttersprache unbelastet zu verwenden. Dieses Dilemma beklagt Franz Josef Degenhardt in »Die alten Lieder« (1968):
»Tot sind uns’re Lieder,/ uns’re alten Lieder! / Lehrer haben sie zerbissen,/ Kurzbehoste sie verklampft,/ braune Horden totgeschrien/ Stiefel in den Dreck gestampft!« In seinem Lied wehrt sich Degenhardt gegen die Vereinnahmung von Musik in jeglicher Art. Gleichzeitig fragt er nach den »unschuldigen« Volksliedern: »Wo sind Eure Lieder – Eure alten Lieder?«

Während die Liedermacher in den 60er Jahren noch aktiv am gesellschaftlichen Umbruch teilnehmen konnten, stellte sich in den 70er Jahren unter ihnen Ernüchterung ein. Die Linke beschäftige sich immer mehr mit inneren Streitereien und zerfiel in einzelne Gruppierungen. Einige Sänger reagierten mit Resignation. Wolf Biermann, der für sich beanspruchte, den Begriff »Liedermacher« geprägt zu haben, distanzierte sich sogar vollkommen von der Bewegung. Für ihn stand der »Liedermacher« nur noch für eine »alternative Schwärmer mit dem Wimmerholz und für weinerliche Betroffenheitsheuchler im flüchtigen Zeitgeist.«

Entgegen solcher pessimistischer Prognosen knüpften spätere Vertreter wie Konstantin Wecker und Heinz Rudolf Kunze an die sozialkritische Haltung ihrer Vorgänger an. Gefragt nach der Zukunft des politischen Liedes, antwortete Wecker in einem Interview 2003: »In schwierigen Zeiten ist das Bedürfnis nach Texten und Inhalten, die mehr vermitteln als nur ein Wohlgefühl, die vielleicht auch wieder zum Denken anregen, doch recht stark.«