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NEUES AUS DEM STADTTHEATER INGOLSTADT
Digitales Programmheft

Michel Houellebecq – Prophet oder Provokateur?

Wieder mal ein Beitrag aus unserer Reihe »Klugscheisser-Wissen« – Eloquentes für die Theaterpause oder nach der Vorstellung. Ende Januar hatte »Ausweitung der Kampfzone« Premiere. Regisseur Barish Karademir nähert sich performativ-tänzerisch diesem Stoff an. Doch wer ist der Autor, dieser Michel Houellebecq, der mit seinem neuen Roman wieder in aller Munde ist, eigentlich? 

Michel Houellebecq ist einer der bekanntesten, aber auch umstrittensten Autoren Frankreichs. Sowohl seine Texte als auch seine Person polarisieren nicht nur die literarischen Kreise, sondern auch die breite Öffentlichkeit. Er liefert provokante, sarkastische, gar zynische Gesellschaftskritiken, die ihm je nach Sympathie oder Antipathie die Bezeichnung »Prophet« oder »Provokateur« bescheren. Seine Gegner werfen ihm Rassismus, Frauenhass, reaktionäres oder rechtes Gedankengut, Religionsfeindlichkeit bzw. Islamophobie vor. Der Autor relativiert die Vorwürfe nicht, vielmehr bekräftigt er sie in Interviews demonstrativ. Seine Fans sprechen ihm wiederum seherische Qualitäten zu, da es oft seltsame zeitliche und räumliche Zusammenfälle von gesellschaftlichen Ereignissen und dem Erscheinen seiner Bücher gibt.

Aber wer oder was ist Houellebecq wirklich?

In einem Tagebuch schreibt er über sich selbst, er habe seit seinem 15. Lebensjahr versucht sich als Persönlichkeit zu entwerfen. Sind seine von der Öffentlichkeit kontrovers wahrgenommenen Bestimmungen nur Teile dieses Persönlichkeitsentwurfs?
Zweifelsohne sucht er seit seinen ersten Erfolgen mit »Ausweitung der Kampfzone« (1994) und »Elementarteilchen« (1998) bewusst die Rolle des Provokateurs. Ob seine Selbststilisierung zu einem von Groupies umringten Schriftsteller, oder seine politische Provokationen, wie z.B. den Islams als »die bescheuertste Religion« zu bezeichnen oder durch die Abschaffung der Prostitution den Untergang der Ehe und in der Konsequenz der Gesellschaft zu prophezeien, dienen allesamt dazu, sich als umstrittene, aufsehenerregende Persönlichkeit zu etablieren.

Make France great again?

Auch sein aktuelles Bekenntnis, in dem er sich als Fan von Donald Trump und seiner Politik outet, folgt derselben Absicht. Er verwischt durch seine öffentlichen Äußerungen systematisch die Grenze von Figuren- und Autorenrede und nutzt die daraus resultierende allgemeine Aufregung für die Aufrechterhaltung des Interesses an sich und seiner Werke. Man soll über ihn diskutieren, soll verzweifelt die Ansichten der Privatperson hinter denen des Autors und seiner Romanfiguren suchen. Er provoziert und inszeniert sich in der Öffentlichkeit bewusst. Er geht sogar so weit, dass er seinen eigenen Körper und sein Äußeres als Teil der Provokation nutzt und gegen jedem Schönheitsideal der Mediengesellschaft in Szene setzt. Aber auch einige schicksalhafte, tragische Geschehnisse – die ihn eben zum Propheten avancieren lassen – kommen ihm dabei gelegen: Sein islamkritischer Roman »Unterwerfung« erscheint am Tag der Anschläge auf »Charlie Hebdo«, auf deren Titelblatt sogar er als Karikatur abgebildet ist. In seinem Buch »Plattform« schreibt er über einen Terroranschlag auf ein fernöstliches Ferienparadies, ein Jahr später findet ein Attentat in Bali statt, bei dem 200 Menschen sterben. Sein Interview für »New York Times« über »Plattform«, in dem ihm der Journalist vorwirft, die islamische Gefahr zu überschätzen, wird am 11. September 2001 abgedruckt. In seinem aktuellen Roman »Serotonin« beschreibt er eine Straßenblockade, wie sie die Gelbwesten seit November in Frankreich inszenieren.

Was verbirgt sich hinter der Fassade?

Der Michel Houellebecq, den die Öffentlichkeit kennt, ist eine bewusst undurchschaubar und zwiespältig inszenierte Persönlichkeit, ist sowohl ein Prophet, als auch ein Provokateur. Den Privatperson Houellebecq hinter der Fassade werden wir jedoch nie kennenlernen, auch nicht, wenn er uns plötzlich sein wahres Gesicht zeigen würde. Weil wir auch dann eine Inszenierung vermuten würden.

 

Bilder: Mariusz Kubik [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)