BETONBLOG

Neues aus dem Stadttheater Ingolstadt
Phantasie an die Macht!

Eine Geschichte – zwei Stimmen

Lesung zu »Patentöchter: Im Schatten der RAF – Ein Dialog« von Julia Albrecht und Corinna Ponto.

1977 erreichte der Terror der »Roten Armee Fraktion« seinen Höhepunkt. Mit Entführungen und Anschlägen auf führende Repräsentanten aus Wirtschaft und Politik versuchte die zweite Generation der Organisation, die Freilassung ihrer Mitglieder aus dem Gefängnis zu erzwingen. Zu diesem Zeitpunkt saßen die Begründer der Gruppe Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Stuttgarter Stammheim. Zu der »Offensive 77« gehörte auch der Mord an Jürgen Ponto, dem Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank«, am 30. Juli. Am Mittwoch lesen Renate Knollmann und Teresa Trauth aus dem Briefwechsel zwischen Julia Albrecht und Corinna Ponto, in dem die Angehörigen des Opfers und der Mittäterin Susanne Albrecht die gescheiterte Entführung zusammen verarbeiten.

Termin: 13. Februar 2019, 20:00 Uhr, Studio im Herzogskasten

Wie kam Susanne Albrecht in Kontakt mit der RAF? Und wie wurde sie am Ende selbst zu einer Terroristin? Susanne wurde 1951 geboren und wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Sie gehörte zu einer Generation, die trotz des Wirtschaftswunders der Nachkriegsjahre keinen Sinn in einem bürgerlichen Leben fand. Ihr Vater Hans-Christian Albrecht war ein erfolgreicher und angesehener Rechtsanwalt in Hamburg. Die Erziehung der Kinder orientierte sich an großbürgerlichen und konservativen Werten. Es zählte ausschließlich Leistung. Nach außen musste alles perfekt sein.

In ihrer Jugend entzog sich Susanne immer mehr dem quälenden Druck des Elternhauses. Nach dem Abitur studierte sie Pädagogik, Soziologie und Psychologie, was sie jedoch nur wenig begeisterte. Autoren wie Karl Marx und Herbert Marcuse, die unter den Studenten der 68er-Generation Kultstatus besaßen, erschienen ihr zu trocken. Stattdessen engagierte sich Susanne Anfang der 70er Jahre in praktischer Sozialarbeit. Zu den sozial Benachteiligten zählten für sie auch die Hausbesetzer in der Hamburger Ekhoftstraße. So lernte sie den RAF-Terroristen Karl-Heinz Dellwo kennen, der 1975 an der Geiselnahme in der deutschen Botschaft in Stockholm beteiligt war. Mit Dellwo hatte sie eine Beziehung.

Zunächst bewegte Susanne sich im Kreis der RAF, ohne aktiv an Aktionen teilzunehmen. Zu der Ermordung von Jürgen Ponto trug sie – ob gewollt oder nicht – entscheidend bei. Sie erzählte Volker Speitel, dass sie Ponto persönlich kenne. Er  war ein enger Jugendfreund ihres Vaters und der Patenonkel ihrer jüngeren Schwester Julia. Gleichzeitig war Pontos Tochter Corinna die Patentochter von Hans-Christian Albrecht. Erst dadurch kamen die Terroristen auf die Idee, den Manager zu entführen. Susanne verschaffte Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar Zugang zum Haus der Pontos. Zur geplanten Entführung kam es aber nicht. Mohnhaupt erschoss Ponto, kurz nachdem sie das Esszimmer betrat.

Obwohl der harte Kern der zweiten RAF-Generation an der »inneren politischen Überzeugung« Susannes stets zweifelte, entwickelte sie sich in den Folgejahren zu einem festen Teil der Gruppe. In einem palästinensischen Lager erhielt sie 1978/1979 eine militärische Ausbildung. Am 25. Juni 1979 verübte Susanne im belgischen Obourg auf den Wagen des damaligen NATO-Oberbefehlshabers General Alexander Haig einen Sprengstoffanschlag. Haig überlebte das Attentat.

Die Familien der Pontos und der Albrechts verband eine besondere Freundschaft, für die es nach dem Mord vom 30. Juli 1977 keine Grundlage mehr gab. Schlagartig änderte sich für alle das Leben. Denn unter den Folgen litten nicht nur die Pontos, die ihren Ehemann und Vater verloren, sondern auch die Albrechts, die Susanne trotz ihrer Radikalisierung nicht aus der Familie ausstoßen wollten. Es vergingen 30 Jahre, in denen jeder für sich mit den immer wiederkehrenden Fragen leben musste, bis Julia Albrecht einen Brief an Corinna Ponto schrieb. Es begann ein Briefwechsel, aus dem 2011 ein gemeinsames Buchprojekt wurde. »Patentöchter: Im Schatten der RAF – Ein Dialog« verbindet viele Facetten: Persönliche Verarbeitung, Versöhnung und Aufforderung zur kritischen Aufarbeitung der RAF-Verbrechen. Diese Aspekte regen auch heute noch zum Nachdenken über den linken Terror an. Oder wie Corinna Ponto am Ende treffend bemerkt: »Auf lange Sicht wollen Menschen schwarze Löcher mit Wissen auffüllen. Und das ist eine der besten Erfahrungen der Menschheitsgeschichte.«

 

Bild:

Jürgen Ponto zählte zu den einflussreichsten Managern in Deutschland. Die RAF sah in ihm einen Hauptrepräsentanten des kapitalistischen Systems. (gemeinfrei)