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NEUES AUS DEM STADTTHEATER INGOLSTADT
Paul Lincke
Digitales Programmheft

Who is Who: Paul Lincke

Paul Lincke. Ein echter Berliner! Und ein gerissener Geschäftsmann! Wie kein anderer Komponist aus der Hauptstadt verstand er es, Lieder über das urbane Lebensgefühl zu schreiben. Gleichzeitig gehörte er zu den frühen Verfechtern des musikalischen Urheberrechts. Aktuell auf der Bühne des Großen Hauses in Ingolstadt steppt der (Berliner) Bär mit »Frau Luna«.

Lincke wurde am 7. November 1866 im Zentrum von Berlin geboren. Als Kind erlebte er dort täglich vorbeiziehende Militärkapellen. Dadurch entwickelte sich bei ihm schon früh eine Leidenschaft für Marschrhythmen, wie er sich spätere erinnerte:

Kaum vernahm ich die schmetternde Musik, rief ich aufgeregt: »Mutter, den Schlüssel – ich muss schnell mal runter!« In langen Sätzen stürmte ich hinunter auf die Straße, wartete, bis die Soldaten heran waren, und marschierte dann begeistert im straffen Rhythmus der Kapelle mit bis zur Wache Unter den Linden.

Der Wunsch, selbst Militärmusiker zu werden, erfüllte sich nicht. Bei der Musterung fiel Lincke wegen seines schmächtigen Körpers durch. So begann er, als Musiker am Theater zu arbeiten und sammelte erste Erfahrungen an verschiedenen Berliner Unterhaltungsbühnen. Am Apollo-Theater gelang ihm dann der Durchbruch. Der Erfolg von Linckes erster Operette »Venus auf Erden« 1897 sprach sich bis nach Frankreich rum. Er erhielt ein lukratives Engagement am Pariser Folies Bergère, dem damals berühmtesten Varieté-Theater der Metropole. Bereits ein Jahr später kehrte er jedoch wieder zurück nach Berlin und feierte mit der Uraufführung von »Frau Luna« seinen größten Publikumserfolg.

Frau Luna am Stadttheater Ingolstadt. Regie: Tobias Hofmann
Frau Luna am Stadttheater Ingolstadt. Regie: Tobias Hofmann (@J. Klenk)

Copyright? Fehlanzeige!

Auf rechtlicher Ebene hatten es Komponisten zu dieser Zeit noch schwer. Sobald ihre Werke durch Notendrucke veröffentlicht waren, durften sie ohne Genehmigung des Urhebers öffentlich gespielt werden. Von dieser Regelung profitierten vor allem die Verlage, die das Notenmaterial verbreiteten. Um möglichst gut an seiner Musik verdienen zu können, gründete Lincke 1900 gemeinsam mit Richard Rühle den »Apollo-Verlag«. Zusätzlich unterstütze er verschiedene Bestrebungen zur Verbesserungen des Urheberrechts. Dieser stark ausgeprägte Geschäftssinn brachte auch Unkenrufe mit sich. Kurt Tucholsky schrieb dazu 1914 im sozialdemokratischen »Vorwärts«:

Und auch die Tonkunst ist allhier,
da hinten trommelt am Klavier,
für viele Pinke-Pinke,
Paul Lincke.

Nach dem Ersten Weltkrieg lagen Paul Linckes Operetten nicht mehr im Trend. Finanziell bedeutete dieser Umstand für ihn aber kein Problem, denn er verdiente auch weiterhin gut an den Tantiemen. Unter den Nationalsozialisten erlebten Linckes Werke eine zweifelhafte Renaissance. Unterhaltungsmusik von jüdischen Komponisten war im Dritten Reich verboten. Lincke gehörte zu den wenigen bekannten Operettenkomponisten, die noch gespielt werden durften. Er wurde von den Machthabern umworben und spielte naiv mit.
Lincke starb am 3. September 1946 in Hahnenklee-Bockswiese.